Alles ist erlaubt: Der erste Entwurf

Wenn Du bereits an einem meiner Seminare teilgenommen hast, hast Du ganz bestimmt schon einmal so etwas wie „Schreib unbedingt nur einen ersten Entwurf“ oder „Schreib im Entwurfsmodus“ von mir gehört. In einem längeren Seminar musstest Du Dir wahrscheinlich täglich eine Lobpreisung des shitty first draft, des mistigen ersten Entwurfs anhören. Shitty first draft nennt die bekannte amerikanische Autorin und Schreibdidaktikerin Anne Lamott den ersten Entwurf, für den sie voll des Lobes ist (Bird by Bird. Instructions for Writing and Life, ein sehr lesenswerter und auch auf Englisch gut verständlicher Schreibratgeber.)



Was bedeutet erster Entwurf?


Erster Entwurf bedeutet, dass Du eine Idee für einen Text hast. Diese Idee darf noch sehr vage sein und muss keinesfalls bis zum Ende durchdacht sein. Du musst nicht wissen, ob sie aufgeht.

Du kannst allerdings auch mehrere Ideen oder eine schon recht klare Vorstellung haben und sogar wissen, wie die Geschichte ausgehen soll. (Ob sie dieser Idee dann folgt oder neue Horizonte öffnet, ist eine andere Frage.)

Sobald Du eine Idee hast, fängst Du an zu schreiben. Du schreibst frisch drauflos und lässt alles zu, was und wie es Dir in den Sinn kommt. Folge Deinem inneren Kompass, Deinem Stift, den Fingern auf der Tastatur. Entscheidend ist, dass Du zügig schreibst, das heißt:

  • keine Recherchen zwischendrin
  • kein langes Suchen nach den richtigen Wörtern
  • keine oder nur minimale Korrekturen
  • keine Gedanken über Aufbau und Schlüssigkeit
  • keine inhaltliche und emotionale Zensur: Alles ist erlaubt.

Einen Entwurf zu schreiben, ist also im Prinzip ganz leicht, weil es nur wenige Voraussetzungen gibt.

Im Entwurf ist alles erlaubt.



Kommen dabei denn überhaupt brauchbare Texte heraus?


Kommt darauf an, wozu sie brauchbar sein sollen. Druckreif sind sie garantiert nicht. Aber das ist ja auch nicht ihr Sinn und Zweck.

Der erste Entwurf kann voller Unzulänglichkeiten stecken. Er kann viel zu lang sein und eine Menge überflüssiges Zeug erzählen, oder die Hälfte fehlt und er ist viel zu kurz. Er enthält vermutlich ein paar holprige  Übergänge, logische Fußangeln, abgedroschene Redewendungen, schwer hinkende Vergleiche, haarsträubende oder abgewetzte Metaphern, misslungene Dialoge und Sätze, die Achterbahn fahren.

Kurz: Alles, was man nach Lehrbuch falsch machen kann, darf sich im perfekten Entwurf breitmachen. Am Ende will der Entwurf auch noch ernst genommen werden. Ganz schön frech, oder?

Ich finde das gut! Denn der Entwurf ist jedem Ehrgeiz abhold. Er will nicht gedruckt oder bewundert werden. Er will Dich ins Schreiben bringen, Räume öffnen, Möglichkeiten ausloten und Futter zur weiteren Verarbeitung liefern. Er weiß genau, dass ihm noch einige Überarbeitungsrunden bevorstehen und dass er am Ende vielleicht nicht wiederzuerkennen ist. Das ist ihm vollkommen schnurz. Er weiß, was er gerade deshalb wert ist.

Das Erstaunliche ist nämlich, dass ein Entwurf sehr oft viel, viel besser ist, als man erwartet - und selbst ein auf den ersten Blick unbrauchbarer Entwurf enthält in aller Regel ein, zwei, drei Perlen, die nur dank dieser offenen Herangehensweise entstehen konnten.



Was ein mistiger Entwurf alles kann


Professionelle SchriftstellerInnen schwören auf den schnell hingeworfenen  ersten Entwurf. Tatsächlich kann ein Entwurf eine Menge leisten. Zu seinen wichtigsten Leistungen gehören:

  • Er hebelt Deine innere Zensur aus und erlaubt Dir, alle Bremsen zu lösen und in den Flow zu kommen.
  • Er lässt völlig verrückte Ideen zu – eine ganz wesentliche Voraussetzung, damit etwas Neues entstehen kann.
  • Er öffnet Deiner inneren Fülle und Deiner Fantasie alle Türen: Das Kind in Dir, der Romantiker, die Wütende, die Träumerin, der Griesgram, die Glitzer-Lilly, der Eremit, die Traurige, der Fröhliche, die Mutige, der Verzagte – alle diese Facetten und noch viele mehr dürfen heraus aus ihrer versteckten Nische. Sie dürfen sich ausdrücken und entfalten und damit Deinen Text einzigartig machen.
  • Er sorgt dafür, dass Du Text produzierst, statt nach wenigen Sätzen frustriert aufzugeben (oder gar nicht erst anzufangen).
  • Er ist immer für eine Überraschung oder eine Erkenntnis gut.
  • Er weist Dich frühzeitig auf Sackgassen und Schwierigkeiten hin.




Woher kommt die Geringschätzung für den Entwurf?


Obwohl die handwerklichen Voraussetzungen gering sind und der Entwurf eine so große Wirkung entfaltet, fällt es vielen SchreibwerkerInnen relativ schwer, beim Schreiben im Entwurfsmodus zu bleiben.

Richtig schwierig wird es zuweilen, wenn es in einem Workshop die Gelegenheit zum Vorlesen gibt. Nein, nein, lieber nicht: Die Schreibzeit war mal wieder viel zu kurz, der Text ist gar nicht richtig fertig geworden, er hat eine ganz unerwartete Richtung eingeschlagen, er taugt nichts, einfach ein schlechter Text etc. pp (s. o.) Ist halt ein shitty first draft.

In den allerallermeisten Fällen sind diese Entwürfe sehr viel besser, als ihre VerfasserInnen denken. Sie trauen ihm und sich nur nicht. Wie kommt das?

Wir haben es so gelernt, und zwar ziemlich gründlich.



Was wir in der Schule lernen


  • In der Schule lernen wir, Aufsätze zu schreiben.
  • Wir lernen, dass wir Einleitung, Mittelteil und Schluss brauchen (was seit Aristoteles gilt und stimmt).
  • Wir lernen, dass Wiederholungen schlecht sind (was derart pauschal grundverkehrt ist).
  • Wir lernen, dass eine Geschichte logisch und faktisch korrekt sein muss; viel Fantasie wird nicht belohnt.
  • Je nachdem, welche Art Aufsatz wir schreiben (Ferienerlebnis, Personenbeschreibung, Nacherzählung …), müssen wir zeigen, dass wir die dazugehörigen Regeln beherrschen.
  • Wir lernen, dass nicht reicht, eine gute Geschichte zu schreiben. Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik müssen korrekt sein. Bei zu hohem Fehlerquotienten gibt es Abzüge bei der Note.
  • Weil die vorgegebene Zeit für Entwurf und Überarbeitung viel zu kurz ist, müssen wir direkt eine Endfassung zu Papier bringen.
  • Wir lernen, dass nur die Note zählt (und möglicherweise die Versetzung gefährdet).



Was wir dagegen nicht lernen


  • Wir lernen nicht, wie wichtig ein Entwurf mit all seinen Freiheiten ist.
  • Wir lernen nicht, Entwurf und Überarbeitung zu trennen, damit der kreative Prozess sich entfalten kann. Entwurf und Überarbeitung in einem Arbeitsschritt durchzuführen, ist ungefähr so, als wollten wir Kartoffeln gleichzeitig schälen und kochen. Guten Appetit!
  • Wir lernen auch nicht, welche Bedingungen wir brauchen, um kreativ sein zu können. Und diese Bedingungen können sehr, sehr unterschiedlich sein. Für die einen sind die Morgenstunden ideal, die anderen laufen am Abend oder in der Nacht zu Höchstform auf. Die einen brauchen absolute Ruhe und ein Stehpult, andere sind im Café am produktivsten usw.
  • Wir lernen nicht, dass objektive Noten für kreative Prozesse wie Schreiben, Malen oder Musizieren unverschämte Kreativitätskiller sind.


Wenn Du Schreiben und Überarbeiten in einen einzigen Arbeitsschritt packst, ist es so, als wolltest Du Kartoffeln gleichzeitig schälen und kochen.


Nur Mut!


Wenn Du es darauf anlegst, kannst Du viele Gründe finden, um mit Deinen eigenen Entwürfen zu hadern oder sie schlechtzureden. In diesem Beitrag habe ich einige davon aufgezählt.

Viel gewichtiger und auch zahlreicher sind die Gründe, die alten überholten Glaubenssätze über Bord zu werfen. Am wichtigsten ist aus meiner Sicht, dass Du innere Freiheiten für Deine Kreativität gewinnst und viel zufriedener mit dem sein kannst, was Du daraus machst.

Wenn Du das Schreiben im Entwurfsmodus noch nicht gewohnt bist,  funktioniert es wahrscheinlich nicht von heute auf morgen. Aber Du gewöhnst Dich daran, ganz bestimmt und Schritt für Schritt (oder Bird by Bird). Du könntest z. B. mit sehr kurzen Texten anfangen und Dir erlauben, komisches Zeug zu schreiben, ein bisschen im Sinne von  Pipi Langstrumpf: Widewide, wie es Dir zufällt.




Schreibwerkstätten als Freiräume für Entwürfe


In einer Schreibwerkstatt von ein bis drei Stunden Dauer ist die Zeit fürs Schreiben oft sehr knapp bemessen. Für eine Endfassung reicht sie nie. Und das ist durchaus gewollt.

Für mich ist eine Schreibwerkstatt ein sehr offener kreativer Raum, in dem textmäßig so ziemlich alles erlaubt ist. Sie soll inspirieren und dazu einladen, zu experimentieren, die eigenen kreativen Räume zu erkunden, die eigene Schreibstimme ohne Beschränkungen zu entfalten.

Mit der Zeit gewinnst Du mehr und mehr Vertrauen in Dein Schreiben und Deine Ideen, auch wenn sie zu Beginn befremdlich wirken mögen. Je freier Du mit Deinem Schreiben, Deiner Kreativität umgehen kannst, umso mehr sprudeln Deine Ideen, umso größer werden Deine Räume - von ganz allein. 

Da in (m)einer Schreibwerkstatt alle gleich viel oder wohl besser gleich wenig Zeit zum Schreiben haben, können alle nur Entwürfe zu Papier bringen. Völlig sinnlos, hier die üblichen Bewertungsmaßstäbe anzulegen (gut/schlecht, gelungen/misslungen usw.). Auch das befreit.

Den Entwurf, den Du mitnimmst, kannst Du später in aller Ruhe überarbeiten - einmal, zweimal, dreimal, bis er für Dich stimmt. Oder Du kannst ihn verwerfen. Nicht schlimm, war ja nur ein Entwurf - den Du eines Tages vielleicht doch noch gut gebrauchen kannst.







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Die Schreibwerkstatt

1,5 Stunden entspannte Schreibfreude und gute Laune in der Online-Schreibwerkstatt, zwei Termine zur Auswahl. Immer am letzten Mittwoch und Donnerstag im Monat.

Letzte Schreibwerkstatt
vor der Sommerpause:

Mittwoch, 24.07.24
Donnerstag, 25.07.24

jeweils 19-20.30 Uhr

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